Management fuer Anfaenger
Das erschreckendste an
dieser Veranstaltung scheint mir die Selbstverständlichkeit zu sein, mit der eine unbedingt verachtenswerte Einstellung publik gemacht wurde. Die Ethik gilt in den Augen dieser verkrüppelten Persönlichkeiten als veraltet und (fast?) überwunden: diesbezüglich braucht man offensichtlich keine Umschweife und Rechtfertigungen mehr. Man redet einfach Klartext.
Mit dem Fall Peter Hartz ist
bekannt geworden, daß sich kluge Manger auch gegen die Folgen des eigenen korrupten Verhaltens gegenüber ihren Brötchengeber versichern können.
Es geht aber noch besser.
Heute morgen habe ich im Wartezimmer beim Arzt im Spiegel geblättert. Zwischen den vielen mehr oder weniger unerfreulichen Artikeln auch etwas Werbung: Ein Versicherungsunternehmen (Namen habe ich vergessen) bietet unter dem Motto "Nageln Sie Ihre Karriere an die Wand" eine rundum-Versicherung für Manager gegen den eigenen Mißerfolg. So was wie
hier beschrieben.
Nach und nach merke ich, was ich in meinem Berufsleben bisher alles falsch gemacht habe! Ansonsten bleibe ich bei meiner schon geäußerten Meinung:
Management ist - wie Politik - eine Kunst. Man sollte Manager und Politiker genauso schlecht wie Künstler bezahlen, dann hätten wir die richtigen Leute am Werk.
Und keine
Stümper wie heute.
- Das Planungstool läuft noch nicht. Das heißt, noch nicht richtig. Ich kriege lauter implausible Zahlen raus.
- Zeigen Sie mal, was Sie haben. Ich kann morgen doch nicht mit leeren Händen in die Planungskonferenz gehen.
- Das ist schon wieder ein Chaos, du meine Güte.
- Ich wollte für heute absagen, die Pivottabelle hat irgendwo noch einen Fehler. Und außerdem habe ich die letzten Zahlen erst gestern abend gekriegt.
- Sind das nun Euro oder Dollar?
- Das sind Euro. Das Programm kann doch nur in Euro rechnen.
- Mit den Amis oder nur Deutschland?
- Mit. Allerdings sind deren Kosten in Dollar drin. Bei der Summe habe ich zu Fuß umgerechnet.
- Ist Produktpflege mit drin?
- Jawohl, das haben wir hier extra ausgewiesen. Wohlgemerkt ist das nicht immer richtig eingestellt worden, denn die Hälfte der Projektleiter hat das nach wie vor zusätzlich in den Projektkosten drin. Gleiches gilt für die Qualitätsentwicklung.
- Diese Zahl, 46, das ist doch die Gesamtsumme?
- Jawohl. 46 Millionen Dollar. Pardon, Euro.
- Das ist doch plausibel, oder nicht?
- Allerdings… ich finde langsam auch… ich bin ständig über diesen Umrechnungskurs gestolpert. Außerdem sind die Mannjahressätze noch nicht endgültig…
- Und was ist unser Anteil?
- Hier. Mit der Technologie zusammen 42 Millionen.
- Zum Teufel mit der Technologie. Was ist unser Anteil?
- Moment, da muß ich eine andere Ebene aufmachen.
- Und wenn es geht, dann bitte quartalisiert.
- Was ist überhaupt unser Target?
- 36 Millionen.
- Euro oder Dollar?
- Euro, denke ich.
- Hier. 36,5 Millionen.
- Euro oder Dollar?
- Ich sagte doch, das Programm kann nur in Euro rechnen.
- Zeigen Sie mal auch die einzelnen Quartale. Aha.
- Das ist aber gar nicht so schlecht, wenn das Target wirklich 36 Millionen beträgt.
- Wirklich wahr. Fünfhunderttausend Abweichung kann ich doch locker aus dem Contingency-Topf ausgleichen.
So ging es noch eine Weile weiter. Wir stritten noch ein wenig über die Anzahl der Köpfe, bis wir rausfanden, daß wir 106 Mitarbeiter und das Controlling 110,5 Planstellen zählte. Die Besprechung war heute von 9:00 bis 18:00 h angesetzt. Dank der guten Vorbereitung waren wir aber schon um elf Uhr durch.
Kaum bin ich für eine Weile weg, schon passiert bei meinem Brötchengeber merkwürdiges.
Mein Bereich in der Firma wird - fünf Monate nach der letzten Umstrukturierung - wieder neu organisiert, wobei das im Einzelfall groteske Züge annimmt.
Und jetzt noch das.
Einladung zur Informationsveranstaltung "Familienfreundliche Parkplätze". Sie sind bestimmt neugierig, was auf der Agenda steht. Hier der Originaltext:
Am Donnerstag, 11. Mai 2006 von 9:00 bis 10:30 Uhr, findet im Casino Dingenskirchens* eine Informations- und Diskussionsveranstaltung zum Thema „Familienfreundliche Parkplätze“ statt.
Agendapunkte sind:
- Parkplätze: aktuelle Situation, Projekte und Planungsszenarien
- Grundsätze der Gesamtbetriebsvereinbarung „Familie und Beruf“
- Diskussion und Anregungen rund ums Thema
- Ausblick auf die weitere Vorgehensweise
Alle interessierten Mitarbeitenden sind herzlich eingeladen.
Die einzige Erklärung, die mir dazu einfällt, ist, daß wir (wohl auf Anraten von McKinsey) dabei sind, einen qualifizierten Geldvernichtungsprozeß zu implementieren, damit die Gelddruckmaschine nicht verstopft.
* Name geändert
Heute nachmittags kam einer meiner Mitarbeiter vorbei und kündigte an, er fühle sich unwohl und daher gedenke er etwas früher als sonst zu gehen. Und außerdem bleibe er voraussätzlich am nächsten Tag gleich zuhause.
Er dürfte wirklich krank sein, der Bursche, bei dem Versprecher!
"Ich habe Frühdienst. Kannst Du morgen früh etwas beim Arzt abgeben?" fragte mich Vera gestern nachmittags.
"Kann ich. Morgen früh habe ich keinen Termin. Was und wo?"
"Na, etwas, siehst Du morgen. Die Adresse habe ich nicht, wir fahren aber schnell vorbei und ich zeig's Dir."
"Was, ich soll jetzt noch raus? Es ist doch Sonntag! Sag mir, wie der Bursche heißt, und ich suche die Adresse aus dem Internet raus."
"Das findest Du nie. Hopp, sei nicht so stur, ich zeig's Dir."
Ich war nicht so stur, also zeigte sie's mir. Zur Sicherheit schrieb ich mir auch die Adresse auf.
Heute morgen in der Praxis, ein Betrieb wie am Bahnhof. Drei Damen waren am Empfang anwesend, die eine am Pult, die anderen zwei an Schreibtischen weiter hinten.
Ich trug einen braunen Plastikbehälter mit Schraubverschluß, mit einem Volumen von etwa einem Liter. Darin klapperte irgendwas.
"Ich habe etwas abzugeben" verkündete ich, als ich dran kam, und zeigte auf den Behälter. "Die Patientin heißt Kreutzritter, mit Tz."
"Was ist da drin? Sabine, kannst Du das für mich einscannen?" fragte die Dame am Pult, stand aber selbst auf und legte ein Blatt Papier in den Scanner.
"Kann ich. Nanu, Du machst das jetzt selber?" antwortete Sabine.
"Ich weiß es nicht" sagte ich.
"Steht der Name drauf?"
"Ich hoffe drinnen, außen ist nichts zu sehen."
"Einen Augenblick!" sagte sie und verschwand mit dem Blatt Papier in der Hand. Einige Minuten vergingen. Nacheinander kamen ein Mann und eine Frau in weißen Kitteln aus den angrenzenden Untersuchungsräumen raus, schnappten sich aus einem Stapel Papieren vom Pult je eine Krankenakte und riefen irgendwelche Namen. Die zweite Empfangsdame, die, die nicht Sabine hieß, kam nach vorne.
"Sie wünschen?"
"Ich habe für eine Patientin eine Probe abzugeben" sagte ich, indem ich wieder auf den Behälter zeigte. "Kreutzritter, mit Tz."
"Was für eine Probe?"
"Ich weiß es nicht. Stuhl, Urin, Speichel, keine Ahnung. Blut ist es nicht, nehme ich doch stark an."
"Damit müssen Sie ins Labor. Steht der Name drauf?"
"Das hoffe ich. Wo ist das Labor?" Sie zeigte mir eine offene Tür zu meiner linken. Ich klopfte an.
"Ich habe für eine Ihrer Patientinnen eine Probe abzugeben" sagte ich und kam mir dabei immer blöder vor.
"Ich brauche die Karte. Was ist da drin?"
"Keine Ahnung. Welche Karte?"
"Die Krankenakte, von der Anmeldung. Steht wenigstens der Name drauf?" fragte sie und schraubte flink den Behälter auf, bevor ich etwas sagen konnte. Daraus kramte sie zwei kleinere Behälter, die offenbar beschriftet waren. "Ach so! Alles klar, den großen Behälter hätten Sie gar nicht gebraucht."
"Ach, lassen Sie's, es war doch gut so. Ohne den hätte ich weniger Konversation gehabt heute morgen. Ich hole die Akte."
Am Empfang stand wieder die erste Dame hinter dem Pult. Jetzt telefonierte sie. Gleichzeitig streckte sie, ohne mich anzugucken, eine griffbereite Hand in meine Richtung. Offensichtlich wollte sie meine Karte. Als nichts kam, blickte sie mich irgendwann an.
"Nanu, Sie sind immer noch da?"
"Ich brauche die Karte fürs Labor. Kreutzritter, mit Tz."
"Vorname?"
"Vera."
"Hier bitte!"
Die einmalige Gelegenheit, hinter Veras Geheimnisse zu kommen, ließ ich ungenutzt. Ich gab einfach die Karte im Labor ab.
Es geschah irgendwann letztes Jahr im Universitätsklinikum Mannheim, im Wartezimmer vom Institutsdirektor Prof. Dr. Soundso.
Eine graue Taube flog von außen gegen die Fensterscheibe. Sie landete auf dem Pflaster zwischen dem Fenster und einem Bauschuttcontainer, blickte eine zeitlang etwas verwirrt drein und kam dann zu Fuß durch die geöffnete Außentür rein. Dann hob sie ab und flog weg von der Tür, den langen Korridor entlang. Dabei verfehlte sie den Kopf einer Schwester, die ihr entgegen kam, nur knapp. Die Schwester sagte "Huch" und hob abwehrend beide Arme.
Ich folgte mit dem Blick. Die Taube näherte sich dem quer verlaufenden Hauptkorridor - dabei wurde ich an die Szene mit der Möwe und der Telefonzelle aus Hitchcocks "Die Vögel" erinnert - und flog an der Ecke eine scharfe Kurve nach links. Mir wurde es schwindlig.
Dann sagte die Schwester auf einmal wieder "Huch" und die graue Taube kehrte zurück und flog erneut, diesmal jedoch von innen, gegen die gleiche Fensterscheibe. Auf dem Linoleumboden angelangt, flüchtete sie wieder einmal zu Fuß, diesmal jedoch in die Ecke zwischen dem Fenster und einer Betonsäule.
Ich stand auf und folgte ihr, die Krankenschwester kam nach. Ich konnte die Taube sehen, der Weg zu ihr war aber von einem grünen Hydrokulturkübel mit einer staubigen Pflanze versperrt.
"Da ist sie", sagte ich, "ich komme aber nicht ran. Wir müssen diesen Kübel aus der Ecke wegziehen". Dies schien aber leichter gesagt als getan, denn das Ding stand nicht auf Rollen, zu zweit schafften wir es jedenfalls nicht. Die übrigen Personen im Wartezimmer, Männer wie Frauen, stellten völlig desinteressierte Gesichter zur Schau.
"Moment mal, ich hole Hilfe" sagte die Schwester und lief weg. Sie klopfte an eine Tür etwa in der Mitte des Korridors. Ein Mann machte auf und blieb in der Tür stehen, gleich danach gesellte sich noch einer dazu. Jetzt kam auch eine Frau raus, alle drei trugen sie weiße Kittel. Sie unterhielten sich paar Minuten ziemlich lebhaft, wobei ich nur Wortfetzen wie "Taube", "Fensterscheibe", "Scheiße", Dreck" und "Möbelpacker" mitbekam. Der Mann, der die Tür aufgemacht hatte, machte zwischendurch mit dem erhobenen Zeigefinger der rechten Hand mehrere Male die Bewegung eines Scheibenwischers nach.
"Rufen Sie doch den Taubenbeauftragten des Klinikums an", rief ich laut hinterher, "der kann bestimmt helfen!"
Sie blickten in meine Richtung, die Unterhaltung verstummte. Die Schwester ging weiter, die drei verschwanden hinter der Tür. Im Wartezimmer um mich herum bedeutungsvolles Schweigen.
Etwa zehn Minuten später kam die Schwester zurück. Sie wurde von einem Mann begleitet, der eine Werkzeugkiste mitschleppte und gerade dabei war, sich gelbe Gummihandschuhe überzuziehen. Er trug außerdem einen grauen oder grünen Kittel, an die genaue Farbe kann ich mich nicht mehr erinnern.
Ich galt mittlerweile wohl als eine richtige Autorität in Sachen Tauben, denn die Schwester fragte mich, ob die Taube noch da wäre. Das bestätigte ich.
Mehr bekam ich von der ganzen Chose nicht mit, denn ausgerechnet in diesem Moment wurde ich zur Untersuchung hereingerufen.
Als ich damit fertig war und zurückkehrte, stand der Kübel nach wie vor an seinem Platz, von der Taube und von den beteiligten Personen hingegen war nichts mehr zu sehen.
Und jetzt weiß ich nicht, ob die Lösung dieses schwierigen Problems vom Tauben- oder vom Hydrokulturkübelbeauftragten des Klinikums herbeigeführt wurde.
Wie dem auch sei, der Kittel, die Werkzeugkiste und die Gummihandschuhe ließen bei mir die Hoffnung aufkommen, daß die Befreiungsaktion fachmännisch durchgeführt wurde.
Sie kennen den Typ. Pazifist, Artist, Nihilist, Anarchist, Kommunist, Satanist und Verbalterrorist in einem. Vielleicht auch Onanist, wer will das aber schon wissen.
Bereits nach kurzer Zeit im Betrieb wurde er bekannt wie ein bunter Hund, obwohl er schon damals so gut wie immer in schwarz herumlief.
Die ausgefallenen Sachen, die er trägt, das viele metallbeschlagene Leder, seine auffälligen Ringe, seine langen Halsketten und insbesondere die Brille mit der runden, nach Ebenholz aussehenden Glaseinfassung und den gelbbraunen Hornbügeln, das alles läßt ihn eher als Paradiesvogel erscheinen, als wenn er einen Irokesenschnitt, grüngefärbte Haare und Lilaanzüge trüge.
Er ist groß, spindeldürr, schlaksig und kommt einem aus einem unbestimmbaren Grund nicht ganz fertig vor. Aus einem dunklen, mit breiten Backenknochen und schwerem Kinn ausgestatteten Gesicht, aus dem ein Zahnstocher und eine spitze Nase herausragen, gucken zwei ebenfalls dunkle Augen einen frech und nicht besonders intelligent an. Seine männlichen Kollegen mögen ihn überhaupt nicht. Die Frauen, die ihn näher kennen, mögen ihn auch nicht. Die Frauen, die ihn nur vom Sehen oder Hören kennen, und das sind die meisten, mögen ihn um so mehr. In seinem Betrieb reden wir von paar Tausend Frauen, sie werden ihn später in den Betriebsrat wählen.
Zu seiner allgemeinen Bekanntheit trug in seinen ersten Arbeitsjahren am meisten seine triebhafte Betätigung im Intranet bei. Er veröffentlichte ständig irgendwelche Kommentare zum Tagesgeschehen, Glossen, eigene Bilder und so Zeug, und befand sich fast immer mit jemandem im Streit, weil er so ziemlich über alle und alles lästerte. Sein direkter Chef hatte alle Hände voll zu tun, um die vielen mehr oder weniger offiziellen Beschwerden abzuwiegeln.
Seine politische Karriere fing an, als die Firma verkauft wurde. Die Unsicherheit über die Erhaltung der Arbeitsplätze entlud sich in allgemeine Hysterie, und der Revoluzzer entdeckte auf einmal seine messianische Ader. Von da an sprach er nur noch von Solidarität, wobei es nicht ganz klar war, wer mit wem solidarisch sein sollte, jedenfalls stellte er, wohl angesichts der allgemein drohenden Arbeitslosigkeit und als Zeichen seiner allgemeinen Solidarisierung (mit wem auch immer), seine Tätigkeit im Labor vorsorglich jetzt schon gänzlich ein. Seine direkten Kollegen fanden das wenig solidarisch und sein Chef gab ihm einen Schuß vor den Bug. Er renkte sich daraufhin ein wenig ein und verlagerte seine politischen Aktivitäten in die Pausen und in seine Freizeit. Er bastelte und klebte Plakate herum, antichambrierte beim Betriebsrat und bei verschiedenen Führungskräften, verfaßte Schmähschriften an die Adresse der lokalen Geschäftsleitung und büßte nach und nach seinen Sinn für Humor komplett ein.
Dann kam die schicksalhafte Betriebsversammlung, in der die Geschäftsführung zusammen mit dem Betriebsrat die Maßnahmen zum Personalabbau vorstellte. Die Halle war überfüllt, die Stimmung aufgeladen. Der Vorsitzende der Geschäftsführung, ein arroganter und ziemlich unangenehmer Bursche, der jedoch im eigenen Überlebenskampf gegen die Konzernleitung auch einiges für die Belegschaft herausgeholt hatte, verkündete, daß es keine betriebsbedingten Kündigungen geben werde, da die Reduzierung der Personaldecke durch die üblichen Methoden wie Vorruhestand, natürliche Fluktuation, Zahlung von Abfindungen, Versetzungen zu anderen Standorten usw. abgedeckt werden könnte. Blah, blah, blah.
In diesem Moment stand unser Held auf und - seine Worte am Zahnstocher vorbeipressend - bescheinigte dem Vorsitzenden wortwörtlich, daß er (der Vorsitzende) verdammt keinen Arsch in der Hose hätte. Dann sprach er den betroffenen Kollegen seine Solidarität aus und forderte zum Kampf auf. Der Vorsitzende nahm das nach außen gelassen hin und erklärte nach Beantwortung einiger Fragen seine Präsentation für beendet. Die Betriebsräte, die ihre Fälle wegschwimmen sahen, gaben sich in den anschließenden Erklärungen betont kämpferisch. Für die meisten unter Ihnen war die Sache mit der Wiederwahl nunmehr aber endgültig gelaufen.
Der Bereichsleiter und überüberüberübernächster Chef unseres Helden entriß ihm in den nächsten Stunden nach der Betriebsversammlung das Versprechen einer Entschuldigung und arrangierte ein Telefongespräch mit dem Vorsitzenden, das am gleichen Tag auch stattfand.
Ab jetzt fing unser Revoluzzer an, über die lokale Geschäftsführung ausschließlich in respektvollem Ton zu reden. Er verlagerte seine Angriffe in Richtung Konzernleitung und wurde kurze Zeit danach mit überwältigender Mehrheit in den Betriebsrat gewählt, wo er auch heute noch schwerpunktmäßig für den Datenschutz verantwortlich ist. An dieser Front kämpft er, beseelt von seinem heiligen Auftrag, gegen jegliche Liste, die irgendwelche persönlichen Daten beinhaltet, und sei es auch gegen das Firmentelefonverzeichnis, wenn es sich partout nichts besseres finden läßt. Seinem direkten Chef, der ihm früher nicht nur einmal aus der Patsche geholfen hatte, fällt er jetzt mit Lappalien dieser Art immer wieder nonchalant in den Rücken.
Die Akzeptanz seiner Person und seines Tuns bei den Kollegen im Betriebsrat ist mittlerweile bescheiden geworden, um das milde zu formulieren. Es wird gemunkelt, daß es drei halbtägige Sitzungen bedurft hat, um ihn vom Vorhaben der Anonymisierung der Gehaltsliste abzubringen.
Die Schwester schob das Krankenbett mit dem Toten heraus, legte die Akte, die sie mit beiden Händen an das Metallrohr gedrückt hielt, auf die Füße des Toten, drückte die Fahrstuhltaste, und während sie wartete, brachte sie ihren Kittel und ihre Haare in Ordnung. Im ersten Stock angekommen, sperrte sie die Tür zum fensterlosen Badezimmer auf und schob das Bett mit dem Toten rein. Sie guckte sich flüchtig um, ging wieder raus, machte die Tür hinter sich zu und sperrte ab. Im Erdgeschoß angekommen, ging sie zur Anmeldung und gab die Papiere ab.
"Dr. Nöhl hat die Angehörigen schon verständigt. Wenn die kommen, schick sie nicht auf die Station, den habe ich schon ins Badezimmer vom ersten Stock gebracht. Inge hat einen Schlüssel. Sollte sie nicht da sein, kannst du mich rufen."
Sie fuhr wieder in den Dritten, um das Zimmer für den nächsten Patienten vorzubereiten. "Wer weiß, was heute noch kommt" dachte sie, "das Krankenhaus ist ja fast zur Hälfte belegt."
Ich meine, in diesen schwierigen Zeiten soll man auch über das Badezimmer froh sein. Ich habe gehört, da wurde manch ein Toter von seinen Angehörigen sogar auf dem Flur vorgefunden. Wobei wir in diesem Fall mildernde Umstände gelten lassen sollten: dieses Krankenhaus war fast zu zwei Drittel belegt.
Rechtlicher Hinweis: Die nachfolgende Kurzgeschichte ist unwahr
Bei der ersten Massenschulung nach Implementierung des neuen Qualitätslenkungssystems wurden im Filmsaal etwa 150 Führungskräfte aus der ganzen Firma zusammengetrommelt.
Von den drei Veranstaltern, (Qualitätsmanager, Produktionsleiter und Entwicklungsleiter) wollte jeder seinen eigenen Quark präsentieren, was offensichtlich nicht vernünftig abgesprochen war, denn mein armer Chef, der immer von allen Seiten nur Nackenschläge erntet, unterhielt sich aufgeregt auf dem Podium mal mit dem Produktionsleiter, mal mit dem Qualitätsmanager. Wir waren schon 10 Minuten hinter der Zeit. Mindestens fünf Anwesenheitslisten für die verschiedenen Schulungsblöcke waren kreuz und quer durch den Saal im Umlauf, jeder unterschrieb ohne zu lesen, was das Zeug hielt. Langsam wurde der Grund für das Chaos klar. Manche der teilnehmenden Personen waren schon in der Woche davor bei einigen Themen geschult worden. Außerdem waren einige der für heute vorgesehenen Themen nicht für alle relevant. Man versuchte daraufhin, die Agenda entsprechend zu ändern, was aber nicht vollständig glückte. Schließlich wurden wir aufgefordert, sitzenzubleiben, zuzuhören und uns nur in die Anwesenheitslisten einzutragen, die jeweils relevant waren. Ansonsten wäre man automatisch bei den nächsten Schulungen auch dabei, auch wenn man das nicht wollte. "Und außerdem mit allen weiteren unabsehbaren Folgen konfrontiert" dachte ich mir vergnügt. Ich wußte natürlich nicht mehr, was ich alles schon unterschrieben hatte.
Ich verbrachte die meiste Zeit mit Dösen. Dann wurde ich auf einmal doch wach.
Der Qualitätsmanager stellte die Arbeitsanweisung AA001 vor, die sich (Sie haben's erraten!) mit der Erstellung und Dokumentation von Arbeitsanweisungen befaßt. Das Werk, das ich von der Vorbereitung her nur zu gut kannte, bestand aus einer Seite Inhaltsverzeichnis, 7 Seiten Text, und zwei Anlagen: Workflow und Templates. Die einzig gültige Version eines Dokumenten im allgemeinen und einer AA im speziellen sei, so wurde verkündet, das auf einem besonderen Server abgelegte File, das von jedem Bearbeiter eingesehen und ausgedruckt werden konnte. Auf dem Ausdruck wurden automatisch das Datum und der Vermerk ausgedruckt: "Gültig nur zum Zeitpunkt des Ausdrucks". Aus rein formalen Gründen, fügte man an, denn so schnell werden AAs doch nicht geändert.
Huch? Das hatte ich aber anders in Erinnerung.
"Wie stellt Ihr Schlauberger Euch das vor?" fragte ich unter Einsatz der gesamten Diplomatie, die mir nach einer dreißigjährigen Arbeit in verschiedenen deutschen Industrieunternehmen noch geblieben war. "Ich werde den Teufel tun, meine Leute nach ungültigen Papieren arbeiten zu lassen. Das mit der Gültigkeit muß zurückgeändert werden, ursprünglich haben wir doch geschrieben 'am Tage' und nicht 'zum Zeitpunkt' des Ausdrucks. Was soll der Quatsch?"
Mein Chef holte tief Luft und wollte was sagen, wurde aber vom Qualitätsmanager daran gehindert.
"Das ist doch eine reine Formsache, wir haben uns entschlossen, das mit der Gültigkeit ganz konsequent zu formulieren und auch umzusetzen, insbesondere im Hinblick auf eine mögliche Inspektion durch FDA Auditoren. Wo siehst Du das Problem, lieber Paul?"
"Insbesondere im Hinblick auf eine Inspektion muß das geändert werden. Wir liefern damit doch den Beweis unserer eigenen Unfähigkeit. Das gedruckte Papier wird bereits in dem Moment ungültig, wenn es den Drucker verlassen hat. Unsere Mitarbeiter werden absolut ohne Grund in die Illegalität gezwungen. Was soll der Mann im Labor machen? Arbeiten nach dem Papier darf er ja laut unserer eigenen Qualitätsstrategie nicht, wenn er nicht sicherstellen kann, daß es gültig ist."
"Das sind jetzt Spitzfindigkeiten!" Mein Chef war endlich auch zu Wort gekommen.
"Vielleicht nach der Arbeit noch mal ausdrucken und nachschauen?" schlug ein Kollege aus der hinteren Reihe scherzhaft vor.
"Das reicht nicht einmal. Das ist wie mit dem Licht im Kühlschrank. Du kannst gar nicht sicher sein, was zwischendurch passiert. Ich werde für jede Arbeit zwei Leute abstellen, die in telefonischem Kontakt bleiben müssen, der eine arbeitet, und der andere bewacht die elektronische Arbeitsanweisung, damit sie nicht aus Versehen doch geändert wird."
Es folgte allgemeines Gekicher.
Der Produktionsleiter, der Dank seines hypertrophen Opportunismus die Sachlage sofort erfaßte, tuschelte jetzt mit meinem Chef. Der Qualitätsmanager gesellte sich dazu. Nach einigen Minuten schienen sie sich geeinigt zu haben.
"Das können wir gerne ändern, wenn's Euch so lieber ist. Ich meine nach wie vor, daß es nichts ausmacht, aber, bitte!" Der Qualitätsmanager war sichtlich sauer, mein Chef offensichtlich auch. Ich war mir ziemlich sicher, daß er noch nicht wirklich verstand, worum es ging.
"Jawohl. 'Gültig am Tag des Ausdrucks.' Ich fühle mich dabei auch besser" gestand der Produktionsleiter. "Wir sollen kein Risiko eingehen, wenn's um Regularien geht." Das war sein Standardspruch.
Mein Chef sagte gar nichts.
Die Tatsache, daß ich dabei keine neuen Freunde gewinnen konnte, lag sicherlich nur daran, daß sie mich alle schon lange kannten.