Die Taube

Es geschah irgendwann letztes Jahr im Universitätsklinikum Mannheim, im Wartezimmer vom Institutsdirektor Prof. Dr. Soundso.
Eine graue Taube flog von außen gegen die Fensterscheibe. Sie landete auf dem Pflaster zwischen dem Fenster und einem Bauschuttcontainer, blickte eine zeitlang etwas verwirrt drein und kam dann zu Fuß durch die geöffnete Außentür rein. Dann hob sie ab und flog weg von der Tür, den langen Korridor entlang. Dabei verfehlte sie den Kopf einer Schwester, die ihr entgegen kam, nur knapp. Die Schwester sagte "Huch" und hob abwehrend beide Arme.
Ich folgte mit dem Blick. Die Taube näherte sich dem quer verlaufenden Hauptkorridor - dabei wurde ich an die Szene mit der Möwe und der Telefonzelle aus Hitchcocks "Die Vögel" erinnert - und flog an der Ecke eine scharfe Kurve nach links. Mir wurde es schwindlig.
Dann sagte die Schwester auf einmal wieder "Huch" und die graue Taube kehrte zurück und flog erneut, diesmal jedoch von innen, gegen die gleiche Fensterscheibe. Auf dem Linoleumboden angelangt, flüchtete sie wieder einmal zu Fuß, diesmal jedoch in die Ecke zwischen dem Fenster und einer Betonsäule.
Ich stand auf und folgte ihr, die Krankenschwester kam nach. Ich konnte die Taube sehen, der Weg zu ihr war aber von einem grünen Hydrokulturkübel mit einer staubigen Pflanze versperrt.
"Da ist sie", sagte ich, "ich komme aber nicht ran. Wir müssen diesen Kübel aus der Ecke wegziehen". Dies schien aber leichter gesagt als getan, denn das Ding stand nicht auf Rollen, zu zweit schafften wir es jedenfalls nicht. Die übrigen Personen im Wartezimmer, Männer wie Frauen, stellten völlig desinteressierte Gesichter zur Schau.
"Moment mal, ich hole Hilfe" sagte die Schwester und lief weg. Sie klopfte an eine Tür etwa in der Mitte des Korridors. Ein Mann machte auf und blieb in der Tür stehen, gleich danach gesellte sich noch einer dazu. Jetzt kam auch eine Frau raus, alle drei trugen sie weiße Kittel. Sie unterhielten sich paar Minuten ziemlich lebhaft, wobei ich nur Wortfetzen wie "Taube", "Fensterscheibe", "Scheiße", Dreck" und "Möbelpacker" mitbekam. Der Mann, der die Tür aufgemacht hatte, machte zwischendurch mit dem erhobenen Zeigefinger der rechten Hand mehrere Male die Bewegung eines Scheibenwischers nach.
"Rufen Sie doch den Taubenbeauftragten des Klinikums an", rief ich laut hinterher, "der kann bestimmt helfen!"
Sie blickten in meine Richtung, die Unterhaltung verstummte. Die Schwester ging weiter, die drei verschwanden hinter der Tür. Im Wartezimmer um mich herum bedeutungsvolles Schweigen.
Etwa zehn Minuten später kam die Schwester zurück. Sie wurde von einem Mann begleitet, der eine Werkzeugkiste mitschleppte und gerade dabei war, sich gelbe Gummihandschuhe überzuziehen. Er trug außerdem einen grauen oder grünen Kittel, an die genaue Farbe kann ich mich nicht mehr erinnern.
Ich galt mittlerweile wohl als eine richtige Autorität in Sachen Tauben, denn die Schwester fragte mich, ob die Taube noch da wäre. Das bestätigte ich.
Mehr bekam ich von der ganzen Chose nicht mit, denn ausgerechnet in diesem Moment wurde ich zur Untersuchung hereingerufen.
Als ich damit fertig war und zurückkehrte, stand der Kübel nach wie vor an seinem Platz, von der Taube und von den beteiligten Personen hingegen war nichts mehr zu sehen.
Und jetzt weiß ich nicht, ob die Lösung dieses schwierigen Problems vom Tauben- oder vom Hydrokulturkübelbeauftragten des Klinikums herbeigeführt wurde.
Wie dem auch sei, der Kittel, die Werkzeugkiste und die Gummihandschuhe ließen bei mir die Hoffnung aufkommen, daß die Befreiungsaktion fachmännisch durchgeführt wurde.
neo-bazi - 26. Jan, 21:22

Ein Hauch von Süßkind, aber nur ein Hauch.

fely - 27. Jan, 07:31

Süskind?

Patrick? Der mit dem Parfum? Nie gehört.
Spaß beiseite. Ich habe nichts von ihm gelesen. Mein Schwager hat für ihn geschwärmt.
"Die Taube" ist, wie fast alle meiner Erzählungen, eine wahre Geschichte. Na ja, mehr oder weniger.
neo-bazi - 28. Jan, 11:48

Ja, es gibt ein Büchlein von ihm, das heißt auch noch "Die Taube" . Handelt von einem Ex-Fremdenlegionär, der sich vor einer Taube fürchtet. Lange her, aber ich war damals schwer beeindruckt. "Das Parfüm" muß ich mir noch rein tun, mit der Bloggerei schaffe ich kaum noch den "Spiegel".
Fast täglich entdecke ich neue, sehr gute Autoren.

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