Deutsch als Fremdsprache

Montag, 5. Dezember 2005

Ja, warum eigentlich nicht?

"Das Wort 'Konfession' nehme ich nicht mehr in den Mund" verriet mir mal eine gute Bekannte, die in einem Krankenhaus am Empfang tätig ist. "Die Leute fragen fast immer zurück, ob ich damit die Kleidergröße meine. Sie denken wohl, daß ich gleich Maß für eine Sargbestellung nehmen will."

"Konfussion. Was heißt denn das?" fragt der Mitarbeiter einer Personalverleihagentur, der gerade ein Formular auszufüllen versucht, seinen neuen (provisorischen) Chef. Genauer gesagt: Mich, heute.
"Hä?"
"Hier, sehen Sie doch!" Da stand ganz deutlich geschrieben "Konfession" drin.
"Ach, das. Das bedeutet, in welchem Glauben Sie getauft worden sind." (Dabei überlegte ich, ob das nicht doch "nach welchem Glauben Sie getauft worden sind" heißen sollte. Mein Deutsch hat gelegentlich erstaunliche Lücken.)
"Warum sagt man dann nicht gleich Religion? Oder noch einfacher: Evangelisch oder katholisch?"
In der Tat, habe ich mir gedacht, die Frage ist berechtigt. Wie einfach das Leben doch sein könnte, ohne die vielen Konfussionen, die es auf dieser Welt so gibt.

Samstag, 3. Dezember 2005

Weltmeisterlich

Es gibt Fälle, da kann man nur gewinnen. Die fallen einem jedoch nicht in den Schoß, da muß man schon etwas dafür tun. Das Mindeste ist, daß man die richtige Lebenseinstellung hat.
Hier zwei weltberühmte Beispiele.
Die Deutschen und die Formel 1: sie schicken vier Fahrer und drei Motoren ins Rennen. Entweder ein deutscher Fahrer gewinnt mit einem ausländischen Auto, oder ein deutscher Motor (der Rest ist unwichtig) gewinnt trotz ausländischen Fahrers. Man ist auf jeden Fall als Gewinner dabei. (Man denke nur, was Schumi mit einem deutschen Motor alles anstellen könnte! Das ist aber eine andere Geschichte.)
Betrachten Sie bitte jetzt mich und mein Deutsch.
Werde ich dafür gelobt, so sage ich bescheiden:
"Das ist kein Wunder. Wie Sie an meinem Namen unschwer erkennen können, bin ich kein Deutscher. Ich habe mein Deutsch nicht einfach als Kind nach Gefühl gelernt, sondern im Alter von 27 Jahren nach allen Regeln der Kunst. Damit ist eine überdurchschnittliche Beherrschung der deutschen Sprache sichergestellt."
Wenn ich mit irgendwelchen dummen Fehlern erwischt werde, dann sage ich:
"Das ist kein Wunder. Ich bin schließlich in einem anderen Kulturkreis aufgewachsen."
Und schon ist die Welt wieder im Lot.
Dies stellt natürlich eine für Normalsterbliche unerreichbare Kunst dar. Amateuren empfehle ich, klein anzufangen. Das Einfachste ist, bei irgendeinem Kräftemessen (z.B. das Anbaggern der neuen Kollegin) eine Wette gegen sich selbst abzuschließen. Entweder man gewinnt das Spiel, oder man gewinnt die Wette.

Donnerstag, 1. Dezember 2005

Auf Stelzen zu neuen Gipfeln der Sprachkunst

Irgendwann im vorigen Jahrhundert hat die Angabe der Temperatur im Schatten (Lufttemperatur) den Medien nicht mehr gereicht. (Das Wetter widersprach in diesen friedlichen Zeiten, die den Begriff "Klimawandel" noch nicht kannten, auch sonst der Journalistenmentalität: Wenn die Jahreszeiten immer brav aufeinander folgen und die Temperaturen in etwa im üblichen Rahmen bleiben, was sind das, bitte schön, für Schlagzeilen?)
Nach dem Motto "Wie warm muß es dann erst an der Sonne sein, wenn's schon im Schatten 35°C sind" wurde eine Zeitlang versucht, die Temperatur an der Sonne entweder mit Horrorzahlen (so um die 60°C herum) oder zumindest qualitativ als "mörderisch", "brüllendheiß" usw. zu beschreiben. Später rückte man doch langsam davon ab, wobei dazu wohl weniger die Einsicht, als das Vorhandensein einer besseren Alternative beitrug.
Es wurde nämlich begonnen, von der "gefühlten Temperatur" zu sprechen. Diese Sprachschöpfung schlug wie eine Bombe ein, denn sie besitzt alle Qualitäten, die es in unserer modernen Zeit bedarf, um erfolgreich zu sein: Sie ist neu, sie klingt professionell und sie hat nahezu keinen Inhalt, der womöglich jemanden überfordern und somit beleidigen könnte.
Nach und nach wurde das Beiwort "gefühlt" auch in Zusammenhang mit z.B. Wirklichkeit, Wahrheit, Geschichte, Zeit, ja sogar Intelligenz, verwendet, mit anderen Worten immer, wenn etwas (ganz im Gegensatz zum objektiven Realen) subjektiv empfundenes bezeichnet werden sollte.
So weit, so gut. Vielleicht war's auch ein bißchen anders, aber was soll's.

Jetzt wird es jedenfalls langsam abstrus, denn das Adjektiv "gefühlt" wird in zunehmendem Maß auch in Verbindung mit Einsamkeit, Freude, Stimmung, Zufriedenheit, ja sogar Gefühllosigkeit verwendet. Der Schritt zum "gefühlten Gefühl" ist nicht mehr weit. Während man sich hier noch darüber amüsiert:
[ ]
A: Wenn man alles Gefühl aus diesen 2000 Einsendungen herausnehmen würde und zu einer, sage ich jetzt mal so, zu einer Gefühlskette aneinander reihen würde, dann ergäbe das ja vielleicht sogar einen Sehnsuchtstrahl von der Entfernung Erde-Mond.
B: Wirklich? Daran hab ich noch nie gedacht.
A: Das ist kein inhaltlich gefülltes Gefühl, sondern ein gefühltes Gefühl! Also praktisch eine gefühlte Inflation des Fühlens!
B: Gefühltes Gefühl – das ist gut… [ ]
,
findet man das woanders durchaus mit ernster Literaturkritik vereinbar.
Ein hübsches Beispiel habe ich neulich in irgendeinem Forum gefunden, nämlich: "gefühlte Bestätigung". Das einzige, was ich mir darunter vorstellen kann, ist, gemäß der Weisheit "wer nicht hören will, muß fühlen", ein Satz heiße Ohren.

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